Zur Lebenszufriedenheit im Übergang in die nachberufliche
Lebensphase
Schon im mittleren Lebensalter entwickeln sich gesundheitliches
und psychisches Wohlbefinden tendenziell gegenläufig, was sich
später weiter akzentuiert. Mit steigendem Lebensalter zeigen
sich namentlich ein Zuwachs an Gelassenheit und Ausgeglichenheit
(= Reife, Anmerkung des Autors) sowie eine Abnahme von Nervosität
und Gereiztheit. Die Pensionierung an sich löst keine globale
Verschlechterung des Wohlbefindens aus. In den verschiedenen Untersuchungen
zeigen sich in Abhängigkeit von finanzieller Lage, sozialer
Teilnahme und Kontaktnetzen sowie Art und Weise der Pensionierung
individuelle Unterschiede. 46% der befragten Normalpensionierten
erfuhren insgesamt eine Verbesserung ihres Wohlbefindens, 37% jedoch
eine Verschlechterung, die restlichen 17%
erlebten keine Veränderung (Panelstudie).
Bezüglich bereichsspezifischer Angaben erfahren die Befragten
den stärksten Rückgang hinsichtlich ihres gesellschaftlichen
Status: Die Zufriedenheit mit dem Ansehen in der Gesellschaft sinkt
direkt nach der Pensionierung in bedeutsamer Weise. Anderseits steigt
die Zufriedenheit mit der Freizeitgestaltung, auch dann, wenn die
Freizeitgestaltung nicht wesentlich ändert.
Hinter der generell konstanten Entwicklung der allgemeinen Lebenszufriedenheit
besteht eine Ausbalancierung von Gewinnen und Verlusten (Gewinne
im Freizeitbereich und ev. in der Partnerbeziehung, Verluste im
gesellschaftlichen Status und für manche auch beim Einkommen).
Die Detailanalyse macht klar, dass nach der Pensionierung ein hohes
Wohlbefinden mit einer ausgeglichenen, eher introvertierten, aber
optimistischen Persönlichkeit mit hohem biographisch entwickelten
Wohlbefinden korreliert.
Ebenso zeigen sich positive Beziehungen mit guten sozialen Kontakten,
einem positiven Altersbild sowie der Gewissheit, im familiären
und beruflichen Leben die wichtigsten Ziele erreicht zu haben. Umgekehrt
ergibt sich ein negativer Effekt von Extraversion: Befragten, die
aktiv , dominant nach aussen gerichtet sind, gelingt der Übergang
in die nachberufliche Lebensphase zumindest mittelfristig weniger
gut. Die Variablen der Vorbereitung auf den Ruhestand zeigen erstaunlich
wenig Zusammenhang mit dem kurz- oder längerfristigen Wohlbefinden
im Ruhestand. "Ein ruhiges Geschehenlassen scheint wichtiger
als übersteigerter Aktionismus" (Buchmüller et al.
1997).
Bereichsspezifische Zufriedenheit zu Hause lebender Menschen
im Alter zwischen 40 und 79 Jahren: Schweiz 1999
Die Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensaspekten ist in den höheren
Altersgruppen besser als in den jüngeren Altersgruppen. Insgesamt
zeigen die 65- bis 79-jährigen Befragten signifikant höhere
Zufriedensheitswerte als die 50-bis 64-jährigen Befragten.
Der einzig negative Zusammenhang zwischen Alter und Zufriedenheit
ergibt sich erwartungsgemäss bezüglich der Zufriedenheit
mit der Gesundheit. Die höhere Zufriedenheit in den höheren
Altersgruppen kann sowohl mit reduziertem Alltags- und Berufsstress
während der nachberuflichen und nachelterlichen Lebensphase,
aber auch mit den reduzierten Ansprüchen
der älteren Generationen zusammenhängen.
Mit Bezug auf die Paarbeziehung ist festzustellen, dass allein
lebende Frauen eine höhere Zufriedenheit mit dem Alleinleben
aufweisen, als gleichaltrige alleinstehende Männer. Allein
lebende ältere Männer weisen auch eine höhere Mortalitätsrate
auf als verheiratete Altersgenossen.
Die verschiedenen Indikatoren zur bereichsspezifischen Zufriedenheit
sind untereinander positiv korreliert. Wer in einem Lebensbereich
zufrieden ist, ist dies mit höherer Wahrscheinlichkeit auch
in anderen Lebensbereichen. Relativ bedeutungslos erweist sich der
Einfluss des Bildungsstatus für die subjektive Einschätzung
der eigenen Lebenssituation. Die wohlbefindenssteigernde
und protektive Wirkung einer (langjährigen) Ehebeziehung liess
sich in vielen Studien einheitlich nachweisen. Befragte,
die eine harte Jugendzeit erlebt haben, fühlten sich insgesamt
weniger zufrieden als Befragte, die ihre Jugend positiver in Erinnerung
behielten. Die betrifft vor allem die Zufriedenheit bezüglich
finanzieller Situation, Gesundheit und Freizeitaktivitäten.
Determinanten von Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit im höheren
Lebensalter Erweiterung auf psychische Ressourcen und Persönlichkeitsmerkmale
Die subjektiven Einschätzungen von Lebensbereichen sind stärkere
Einflussfaktoren des Wohlbefindens, bzw. der Lebenszufriedenheit
als die objektiven Messparameter dieser Lebensbereiche. Dementsprechend
müssen gute Lebensbedingungen nicht immer mit hohem Wohlbefinden
einhergehen, wie umgekehrt schlechte Lebensbedingungen nicht automatisch
zu niedrigem Wohlbefinden führen. Die Schweiz zählt allerdings
zu den Ländern, in denen ein hoher materieller Lebensstandard
mit einem hohen Wohlbefinden verbunden ist.
Psychische Ressourcen sind bedeutsame Prädiktoren von selbst-regulativen
Prozessen, wie dies Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit darstellen.
Vor allem psychische Ressourcen wie Zuversichtlichkeit und Kontrollerleben
hängen mit allgemeinem Wohlbefinden zusammen.
Grundlegende und überdauernde Persönlichkeitsmerksmale
sind eng mit Wohlbefindenswerten verknüpft. In der Basler Interdisziplinären
Altersstudie zeigte sich wie das Wohlbefinden hochsignifikant mit
Persönlichkeitsmerkmalen assoziiert war.
Depressivität, Neurotizismus, Nervosität, Erregbarkeit
und Gehemmtheit erwiesen sich mit Wohlbefinden negativ verbunden,
wogegen Geselligkeit, Gelassenheit, Extraversion und Maskulinität
positiv mit Wohlbefinden im Alter verbunden waren. Da sich die Persönlichkeitsmerkmale
im höheren Alter relativ wenig verändern, verdeutlichen
solche Ergebnisse die biographische Verankerung des Wohlbefindens
im Alter.
Die Interpretation und Bewältigung der bisherigen Biographie
sind im höheren Lebensalter ein wesentlicher Einflussfaktor
der Selbstregulation von negativen und positiven Emotionen und damit
des allgemeinen Wohlbefindens. Wohlbefinden im höheren Lebensalter
ist nicht einfach eine von aktuellen Gegebenheiten objektiv bestimmbare
Grösse, sondern es geht dabei um einen biographisch verankerten,
subjektiv interpretierten und regulierten Prozess von Lebensbewältigung.
(U.Sch)
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*Zusammenfassung eines gleichnamigen Kapitels aus dem Buch "Lebenshorizont
Alter" (Hrsg. Brigitte Boothe, Bettina Ugolini, vdf Hochschulverlag
AG an der ETH Zürich, 2003) von François Höpflinger,
das nach einer interdisziplinären Vortragsreihe der ETH und
der Universität Zürich des WS 2001/02 publiziert worden
ist. Der vorliegende Band umfasst Beiträge aus unterschiedlichen
Forschungsrichtungen mit Einblick in die vielfältigen Fragestellungen
zum Lebenshorizont Alter. François Höpflinger
(Prof. Dr.phil.) ist Titularprofessor für Soziologie an der
Universität Zürich und Direktor des Universitären
Institutes "Alter und Generationen" in Sion. Sein Beitrag
umfasst Ergebnisse aus schweizerischen
Studien. (U.Sch)
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