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Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden —
Kurzformel für komplexe, biographisch eingebettete Prozesse der Lebensevaluation

Zusammenfassung durch Urs Schlumpf

 

Wohlbefinden stellt ein mehrdimensionales Element dar, das sowohl eine kognitive Dimension (Lebenszufriedenheit) als auch eine emotionale Dimension (Glück) umfasst. In der Genfer Altersstudie (Lalive d’Epinay et al, 2000) sind drei Hauptdimensionen zu Tage getreten: psychisch-physisches Wohlbefinden (negativ korreliert mit depressiven Symptomen), materielle und berufliche Zufriedenheit sowie affektiv-soziales Wohlbefinden. Wohlbefinden wie auch Lebenszufriedenheit oder bereichsspezifische Zufriedenheitswerte sind das Ergebnis selbst-regulativer Prozesse, die sich mit wechselnden Lebensumständen verändern. Erwartungen und Vergleichsmassstäbe wandeln sich im Lebensverlauf, und eine hohe Lebenszufriedenheit kann sowohl durch das Erreichen gewünschter Lebensziele als auch durch eine Anpassung des Anspruchsniveaus nach unten erreicht werden. Die Aufrechterhaltung von Wohlbefinden im Alter ist damit nicht primär von objektiven Gegebenheiten, sondern von deren Interpretationen bestimmt. Diese Interpretationen ihrerseits werden durch psychische Ressourcen, z.B. Kontrollüberzeugungen, beeinflusst.

 

Zur Lebenszufriedenheit im Übergang in die nachberufliche Lebensphase

Schon im mittleren Lebensalter entwickeln sich gesundheitliches und psychisches Wohlbefinden tendenziell gegenläufig, was sich später weiter akzentuiert. Mit steigendem Lebensalter zeigen sich namentlich ein Zuwachs an Gelassenheit und Ausgeglichenheit (= Reife, Anmerkung des Autors) sowie eine Abnahme von Nervosität und Gereiztheit. Die Pensionierung an sich löst keine globale Verschlechterung des Wohlbefindens aus. In den verschiedenen Untersuchungen zeigen sich in Abhängigkeit von finanzieller Lage, sozialer Teilnahme und Kontaktnetzen sowie Art und Weise der Pensionierung individuelle Unterschiede. 46% der befragten Normalpensionierten erfuhren insgesamt eine Verbesserung ihres Wohlbefindens, 37% jedoch eine Verschlechterung, die restlichen 17% erlebten keine Veränderung (Panelstudie).

Bezüglich bereichsspezifischer Angaben erfahren die Befragten den stärksten Rückgang hinsichtlich ihres gesellschaftlichen Status: Die Zufriedenheit mit dem Ansehen in der Gesellschaft sinkt direkt nach der Pensionierung in bedeutsamer Weise. Anderseits steigt die Zufriedenheit mit der Freizeitgestaltung, auch dann, wenn die Freizeitgestaltung nicht wesentlich ändert.

Hinter der generell konstanten Entwicklung der allgemeinen Lebenszufriedenheit besteht eine Ausbalancierung von Gewinnen und Verlusten (Gewinne im Freizeitbereich und ev. in der Partnerbeziehung, Verluste im gesellschaftlichen Status und für manche auch beim Einkommen). Die Detailanalyse macht klar, dass nach der Pensionierung ein hohes Wohlbefinden mit einer ausgeglichenen, eher introvertierten, aber optimistischen Persönlichkeit mit hohem biographisch entwickelten Wohlbefinden korreliert.

Ebenso zeigen sich positive Beziehungen mit guten sozialen Kontakten, einem positiven Altersbild sowie der Gewissheit, im familiären und beruflichen Leben die wichtigsten Ziele erreicht zu haben. Umgekehrt ergibt sich ein negativer Effekt von Extraversion: Befragten, die aktiv , dominant nach aussen gerichtet sind, gelingt der Übergang in die nachberufliche Lebensphase zumindest mittelfristig weniger gut. Die Variablen der Vorbereitung auf den Ruhestand zeigen erstaunlich wenig Zusammenhang mit dem kurz- oder längerfristigen Wohlbefinden im Ruhestand. "Ein ruhiges Geschehenlassen scheint wichtiger als übersteigerter Aktionismus" (Buchmüller et al. 1997).



Bereichsspezifische Zufriedenheit zu Hause lebender Menschen im Alter zwischen 40 und 79 Jahren: Schweiz 1999

Die Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensaspekten ist in den höheren Altersgruppen besser als in den jüngeren Altersgruppen. Insgesamt zeigen die 65- bis 79-jährigen Befragten signifikant höhere Zufriedensheitswerte als die 50-bis 64-jährigen Befragten. Der einzig negative Zusammenhang zwischen Alter und Zufriedenheit ergibt sich erwartungsgemäss bezüglich der Zufriedenheit mit der Gesundheit. Die höhere Zufriedenheit in den höheren Altersgruppen kann sowohl mit reduziertem Alltags- und Berufsstress während der nachberuflichen und nachelterlichen Lebensphase, aber auch mit den reduzierten Ansprüchen der älteren Generationen zusammenhängen.

Mit Bezug auf die Paarbeziehung ist festzustellen, dass allein lebende Frauen eine höhere Zufriedenheit mit dem Alleinleben aufweisen, als gleichaltrige alleinstehende Männer. Allein lebende ältere Männer weisen auch eine höhere Mortalitätsrate auf als verheiratete Altersgenossen.

Die verschiedenen Indikatoren zur bereichsspezifischen Zufriedenheit sind untereinander positiv korreliert. Wer in einem Lebensbereich zufrieden ist, ist dies mit höherer Wahrscheinlichkeit auch in anderen Lebensbereichen. Relativ bedeutungslos erweist sich der Einfluss des Bildungsstatus für die subjektive Einschätzung der eigenen Lebenssituation. — Die wohlbefindenssteigernde und protektive Wirkung einer (langjährigen) Ehebeziehung liess sich in vielen Studien einheitlich nachweisen. — Befragte, die eine harte Jugendzeit erlebt haben, fühlten sich insgesamt weniger zufrieden als Befragte, die ihre Jugend positiver in Erinnerung behielten. Die betrifft vor allem die Zufriedenheit bezüglich finanzieller Situation, Gesundheit und Freizeitaktivitäten.

Determinanten von Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit im höheren Lebensalter — Erweiterung auf psychische Ressourcen und Persönlichkeitsmerkmale

Die subjektiven Einschätzungen von Lebensbereichen sind stärkere Einflussfaktoren des Wohlbefindens, bzw. der Lebenszufriedenheit als die objektiven Messparameter dieser Lebensbereiche. Dementsprechend müssen gute Lebensbedingungen nicht immer mit hohem Wohlbefinden einhergehen, wie umgekehrt schlechte Lebensbedingungen nicht automatisch zu niedrigem Wohlbefinden führen. Die Schweiz zählt allerdings zu den Ländern, in denen ein hoher materieller Lebensstandard mit einem hohen Wohlbefinden verbunden ist.

Psychische Ressourcen sind bedeutsame Prädiktoren von selbst-regulativen Prozessen, wie dies Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit darstellen. Vor allem psychische Ressourcen wie Zuversichtlichkeit und Kontrollerleben hängen mit allgemeinem Wohlbefinden zusammen.

Grundlegende und überdauernde Persönlichkeitsmerksmale sind eng mit Wohlbefindenswerten verknüpft. In der Basler Interdisziplinären Altersstudie zeigte sich wie das Wohlbefinden hochsignifikant mit Persönlichkeitsmerkmalen assoziiert war.

Depressivität, Neurotizismus, Nervosität, Erregbarkeit und Gehemmtheit erwiesen sich mit Wohlbefinden negativ verbunden, wogegen Geselligkeit, Gelassenheit, Extraversion und Maskulinität positiv mit Wohlbefinden im Alter verbunden waren. Da sich die Persönlichkeitsmerkmale im höheren Alter relativ wenig verändern, verdeutlichen solche Ergebnisse die biographische Verankerung des Wohlbefindens im Alter.

Die Interpretation und Bewältigung der bisherigen Biographie sind im höheren Lebensalter ein wesentlicher Einflussfaktor der Selbstregulation von negativen und positiven Emotionen und damit des allgemeinen Wohlbefindens. Wohlbefinden im höheren Lebensalter ist nicht einfach eine von aktuellen Gegebenheiten objektiv bestimmbare Grösse, sondern es geht dabei um einen biographisch verankerten, subjektiv interpretierten und regulierten Prozess von Lebensbewältigung. (U.Sch)


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*Zusammenfassung eines gleichnamigen Kapitels aus dem Buch "Lebenshorizont Alter" (Hrsg. Brigitte Boothe, Bettina Ugolini, vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, 2003) von François Höpflinger, das nach einer interdisziplinären Vortragsreihe der ETH und der Universität Zürich des WS 2001/02 publiziert worden ist. Der vorliegende Band umfasst Beiträge aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen mit Einblick in die vielfältigen Fragestellungen zum Lebenshorizont Alter. — François Höpflinger (Prof. Dr.phil.) ist Titularprofessor für Soziologie an der Universität Zürich und Direktor des Universitären Institutes "Alter und Generationen" in Sion. Sein Beitrag umfasst Ergebnisse aus schweizerischen Studien. (U.Sch)

 

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