<< zurück
 

Life-Story Peter Baumgartner

1. Prägung

Misserfolge in meiner Mittelschulzeit haben mir einen vertieften Einblick in unser Schulsystem erlaubt und mitgeholfen, dass Lehren und Lernen für mein ganzes Lebens das dominante Thema geblieben ist. In der vierten Primarklasse waren meine Schulnoten so gut, dass man mich aufs Gymnasium schickte. Im unpersönlichen Fachlehrersystem fühlte ich mich aber überhaupt nicht wohl, musste eine Klasse repetieren und wurde nach drei Jahren gar von der Schule gewiesen. Zurück in der Dorfschule konnte das niemand verstehen. Wieder war ich bei den Besten der Klasse und wurde erneut aufs Gymnasium geschickt; diesmal Typus C (mathematisch- naturwissenschaftliche Richtung), weil ich den Anschluss in Latein verpasst hatte. Ein Jahr vor der Matura verstand ich aber kein Wort mehr von dem, was in der Mathematik besprochen wurde. So blieb nur der Wechsel in den musischen Typus - und ich wurde Primarlehrer.

2. Vertiefung

In der Überzeugung, dass Lernen Spass machen kann und soll, gestaltete ich den Unterricht für meine Viert- und Fünftklässler so lustvoll wie möglich. Bei Klassengrössen mit bis zu 40 Schülern Ende der Sechzigerjahre eine recht lebhafte Erfahrung! Jedenfalls war mir nach dem ersten Wechsel des Klassenzuges klar, dass ich nicht immer Lehrer auf dieser Stufe bleiben wollte. Ich besuchte Weiterbildungskurse, die mich für grössere (und wie ich hoffte - vernünftigere!) Schüler qualifizierten und fand eine Anstellung in der Lehrlingsausbildung einer Grossbank. Mit dem Ausbau der innerbetrieblichen Ausbildung wurde ich auch bald auf Erwachsene losgelassen. Als Verantwortlicher für die Ausbildung der Ausbilder war mein Hauptaugenmerk auf die Frage gerichtet, wie das Fachwissen eines Einzelnen effizient und lustvoll vervielfältigt und übertragen werden kann. Als es sich dann aber abzeichnete, dass mich die Vermittlung methodisch/didaktischer Kenntnisse an Hunderte von Bänklern noch Jahre beschäftigen würde, wechselte ich als Ausbildungsleiter in den Einzelhandel. Da hatte ich in einem Konzern mit 5000 Mitarbeitern ein riesiges Experimentierfeld. Meine Experimente waren so erfolgreich, dass ich nach 5 Jahren als Personaldirektor in die Geschäftsleitung berufen wurde. Damit war ich aber in einem Umfeld gelandet, das mir nicht mehr entsprach. Nach zwei Jahren entliess ich mich selbst und wartete gespannt darauf, welche Herausforderungen das Leben jetzt für mich bereithalten würde.




Die Lebensfahrt des Lebensunternehmers

3. Die erste Bewährung

Die Bänkler holten mich in ihre Welt zurück. Als selbständiger Unternehmensberater sollte ich helfen, die Mitarbeiterbindung zum Arbeitgeber zu verbessern. (Wir befinden uns am Anfang der 80er Jahre und der Mangel an Fach-, Führungs- und Arbeitskräften wird überall beklagt!) Goldene Jahre für mein Beratungsunternehmen, - es blühte und wuchs, - bis ich selbst zu zweifeln begann an dem, was ich propagierte. Der totale Stimmverlust während eines Seminars führte zum Entschluss, meine Ausbildertätigkeit an den Nagel zu hängen. Was nun? Nach einem Sabbatical gründete ich eine Schule, die aber nie richtig zum Laufen kam. Und schon wurde ich von der "alten" Bankenwelt wieder eingeholt mit der Frage, ob ich bei der beruflichen Neuorientierung von nicht mehr gebrauchten Kaderanghörigen mithelfen würde. (Wir befinden uns in den 90er Jahren. Aus Spargründen wird überall Personal entlassen!) Auf der Suche nach funktionierenden Konzepten stiess ich auf Richard Nelson Bolles und seinen Ansatz "What Color Is Your Parachute?". Diese Erfahrung liess mich meinen Vorsatz fallen lassen: ich konzipierte von nun an wieder Seminare und leitete Workshops.

4. Die zweite Bewährung

Mitte bis Ende der 90er Jahre wirkte ich recht erfolgreich als Ausbilder im Feld beruflicher Neuorientierung. Ich hatte sogar ein Buch geschrieben, das weit herum Beachtung und Anerkennung fand und findet: "Lebensunternehmer". Mit dem neuen Jahrtausend holten mich aber die alten Zweifel wieder ein: Was hatte ich den Menschen, die hilfesuchend zur mir kamen, wirklich zu bieten? Nur als Prediger zu wirken schien mir irgendwie zu wenig. Und doch fand ich keinen anderen Zugang. Meine Zweifel nagten so stark, dass ich meine Kunden mied und das Büro aufgab. Dass ich mit meiner selbstgewählten Arbeitslosigkeit auch mein Zuhause und meine Ehe aufs Spiel setzte merkte ich erst, als sich meine Frau entschlossen hatte, sich von mir zu trennen. Nun musste ich den ganzen schmerzhaften Prozess der Selbstfindung, den ich jahrelang gepredigt hatte, von neuem selber gehen.

5. Aufbruch

Nun, im Moment, wo ich diese Life Story aufschreibe, stehe ich vor einem neuen grossen Schritt. Ich ziehe in eine mir unbekannte Landesgegend, habe mit einem unbekannten Partner ein Schiff gekauft, (was einem lang gehegten Wunsch entspricht) und biete damit Gesellschaftsfahrten an. Die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten muss ich mir erst noch erarbeiten. Ob dieses Schiff dann irgendwann zum Vehikel wird für spannende Lernprozesse, wird sich weisen.

6. Genugtuung

Viele begeisterte Menschen arbeiten mit meinem Buch und verbreiten dessen Inhalt. So kam unlängst eine - durch eine Hirnblutung behinderte - Frau zu mir und erzählte begeistert, wie sie in einer Behinderten-Selbsthilfegruppe mit meinem Buch arbeitet. Zur Zeit absolviert sie eine Ausbildung als Berufsberaterin und bat mich, bei ihrer Diplomarbeit als Experte zu wirken. Brauche ich noch andere Gründe dankbar zu sein?

(PB 3/04)




LifeDesigning     Peter Kessler, lic.oec.HSG    CH-8645 Jona-Kempraten