Du weisst es schon lange, und ein wenig benimmst du dich
auch schon danach: dein Leben findet von Tag zu Tag statt, ja von
Moment zu Moment. Daran bemisst sich deine Lebensqualität,
nicht an den Rückblicken, nicht an den Ausblicken.
Erinnerungen? Errungenschaften? Sie sind in dem Masse lebendig,
was sie jetzt in dir bewirken. Erwartungen, Perspektiven, Ängste?
Schau hin, wie sie jetzt in dir leben - dies ist ihre Wirklichkeit,
nur dies. Die Inhalte deiner Erwartungen und Hoffnungen sind nicht
wirklich, sondern fiktiv, ja, beliebig, eine Frage der Interpretation.
Verschwende daran keine Energie!
Deine Liebste war während einigen Tagen bei dir, in Lebens-
und Liebesgemeinschaft. Erfüllte Tage, die tief in dir nachklingen.
Nun lebst du wieder allein und fühlst dich ... beschenkt? dankbar?
traurig? Bist du jetzt in der Fülle oder im Verlust? Diese
Wahl triffst du, und sie bestimmt deine Gegenwart.
Ein Freund ist an Krebs erkrankt, es heisst "unheilbar".
Er hatte soeben einen neuen Anfang gewagt, voller Zuversicht. Nun
ist, wer weiss, ein baldiges Ende angesagt. Wie geht er damit um,
wie gehst du damit um? Verändert sich etwas in deiner Lebenseinstellung,
deinen Prioritäten? Verstärkt sich in dir die Einsicht,
dass leben jetzt stattfindet, jederzeit, unter allen Umständen?
Deiner Jura-Wanderung mit einer Gruppe von Freunden hast du Sätze
wie die folgenden vorangestellt:
Es gibt nichts zu tun ausser zu sein, also in allem, was ich tue,
auch wirklich zu sein.
Ich erfinde mich, Tag für Tag; nicht aus Unersättlichkeit
und dem Ehrgeiz, ein "noch besserer Mensch" zu werden.
Einfach aus Hingabe an das, was ist.
Werner Lutz, der Dichter und Bildhauer, hat dazu wunderbare Worte
geprägt:
Beginnen / als steige der erste Tag der Schöpfung / aus dem
Wasser /
Beginnen / als habe noch nie jemand ein Wort gesagt.
Einfach die Nacht / mit ihrer breiten Mündung.
Einfach der Tag / mit seinem luftigen Zelt.
Einfach die Vogelflüge / sie schreiben Leben auf die Unendlichkeit.
Einfach die Dinge / sie atmen mit mir.
Einfach die Stille / durch die der Tod mich betreten wird.
Einfach der Staub / er gibt dem Staub die Hand.
Zum Abschluss:
Du kannst dem Leben nicht mehr Tage geben (als dir beschieden ist);
aber den Tagen mehr Leben. (et)
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