"Nichts bleibt so, wie es war". Ist dies eine Feststellung
nur für Nostalgiker, die einer vermeintlich guten alten Zeit
nachtrauern? O nein, der Satz trifft den Nerv unserer gegenwärtigen
Zeit- und Lebenslage, und er muss sogar, zugespitzter, lauten: "Nichts
bleibt so wie es ist"! Was auf permanenten Wandel hinweist,
auf Instabilität und Unvorhersehbarkeit des Lebens schlechthin.
Und gerade damit tun wir uns mehrheitlich doch eher schwer.
Im Begleiten von Menschen in Organisationen - oder von Menschen
auf ihrem ganz persönlichen Lebensweg - fällt mir auf,
wie wenig wir mental vorbereitet sind auf die (zweifellos drastischen)
Veränderungen in der Wirtschaft, im beruflichen Umfeld, in
der Politik. Jahrzehnte der relativen Stabilität und Kontinuität
haben zum Trugschluss verleitet, es werde mit dem Wohlstand, mit
den Umsätzen, den Löhnen und mit den sozialen Abfederungen
unserer Existenz generell aufwärts bzw. vorwärts gehen.
Wer dies auf seinem persönlichen Werde-Weg tatsächlich
so erfahren hat, kann gar nicht glauben, dass es nun auf einmal
nicht mehr gelten soll. Da haben doch schlicht die Manager versagt,
oder die Politiker, oder die Verbände, oder zusammenfassend
alle jene, an die wir die Gewährleistung unseres "expandierenden
Besitzstandes" träge bis gutgläubig delegiert hatten.
Und jetzt ein grosses, lautstarkes Pfui!! all den Versagern.
Früher oder später kommen wir (einige?) darauf, dass
zwischen den Veränderungen "draussen" und den Wandlungen
"drinnen" innige Zusammenhänge bestehen. Wandel ist
ja vor allem ein Merkmal unseres ganz persönlichen Lebens,
unserer Entwicklung von der Kindheit ins Erwachsensein bis schliesslich
ins Altern. Wir wissen es längst und haben es dennoch "vergessen":
Es liegt in der Natur der Dinge, dass sie geburtlich und sterblich
verlaufen, unbeständig sind ungeachtet unserer mannigfachen
Versuche, Erreichtes festzuschreiben, (sozial-)vertraglich zu garantieren,
so wie man auf Ferienreisen Fotos knipst und ins Album einklebt,
damit ja nichts von dem Erlebten verloren geht.
Doch dann geschieht, was früher oder später in jedem
Leben "passiert": Eine Änderung tritt ein, die alles
Bisherige in Frage stellt; eine Krankheit, ein Konkurs, eine Scheidung,
ein Todesfall - andernorts auch eine Naturkatastrophe, ein Krieg,
eine dramatische Veränderung aller für das Weiterleben
massgebenden Bedingungen. Nun wird jäh klar, wie äusserer
und innerer Wandel in einander greifen, wie anfällig und unstabil
"Leben" ist, wie verblendet wir waren auf unserem Karrierepfad
von Sicherheit, Komfort, Besitz, Identität. Je grösser
die Illusion des "Erreichten", desto tiefer der Absturz,
desto schmerzlicher das Erwachen zur "wahren Natur der Dinge".
Ich sehe dieses Erwachen, so leidvoll es im Moment sein mag, als
unerhörten Anstoss zu neuer Lebendigkeit. Viele haben mir in
den letzten Jahren erzählt, dass sie für den erlittenen
Einbruch des Schicksals in ihr rundum arrangiertes Leben dankbar
sind.
"Der Wandel", erlebt und gedeutet als Merkmal unserer
Epoche, muss also weder rebellierend noch resignierend erlitten
werden; er erinnert uns daran, dass wir Zeugen und Mitgestalter
der Evolution sind, die der Natur wie der Menschheit dynamisch innewohnt.
Wir wandeln uns, indem wir leben. Und wer lebendig bleibt, tut dies
nur um den Preis fortgesetzten Wandels. Es ist wirklich "alles
im Fluss", wie es ein Philosoph der Antike schon 600 Jahre
vor Christus formulierte. Wir sprechen vom Lebenswandel dieser Frau
oder dieses Mannes - und rümpfen dabei eventuell die Nase.
Aber: das schönste Kompliment, das ich einem Menschen machen
kann, ist, dass sie oder er ihr Leben wandelnd verbringt. Lustwandelnd
wie auch leidwandelnd; und manchmal tanzend, wenn die Leichtigkeit
des Seins dazu ermuntert.
Über das Aushalten von Unsicherheit im Prozess des Wandels
wäre hier viel zu sagen, doch das Zeilenbudget ist beschränkt.
Ich kann nur herzhaft dazu ermuntern, das Leben als Wandelgang zu
begreifen, als eine Folge von Wegstücken mit vielen Variationen,
als (Pilger-)Reise, die oftmals
wieder dahin führen mag, wovon wir ausgegangen waren.
Edmond Tondeur
Führungsbegleiter und Lebensberater
6.2.03
|