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Vom "gelingenden Leben" handeln viele Märchen.
Wem gelingt das Leben im Märchen? "Es gelingt denen,
die emphatisch sind, also die Fähigkeit haben, nicht
nur sich selber, sondern die Menschen und die Welt um sich
herum wahrzunehmen. Und es gelingt denen, die dem folgen,
woran sie ihr Herz gehängt haben, die irgendeine Leidenschaft
antreibt. Und es gelingt denen, die an ihre eigenen Möglichkeiten
glauben, die grundsätzlich Vertrauen in das Leben haben."
(Verena Kast, Vom gelingenden Leben, dtv 2000)
Was an diesem "Gelingen" auffällt, ist das
subtile Wechselspiel von handeln und geschehen lassen, von
Eigenleistung und tiefem Vertrauen "in die guten Kräfte".
Die Helden im Märchen sind keine Erfolgstypen heutigen
Schlags. Unverdrossen und irgendwie "leicht" gehen
sie den Weg, der sie, durch vielerlei Prüfungen und Gefahren
zu ihrem "Glück" führt. Ihnen "glückt",
wiewohl nicht unverdient, nicht ohne eigenes Tun und Hingabe,
das Leben. Im Althochdeutschen bezeichnet das Verb gilingan
etwas, das leicht vonstatten geht, leicht in Bewegung und
Gewicht. (Die Lunge ist die Leichte, weil sie auf dem Wasser
schwimmt!)
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Von diesem gelingenden Leben
lässt sich, wie mir scheint, eine andere Sicht des
Lernens erschliessen als die bei uns noch vorherrschende.
Und ich meine damit: ein Lernen in Hingabe und Beharrlichkeit,
nicht so sehr aus Ehrgeiz und Erfolgsdrang, vielmehr im
Einverständnis mit dem "lebendigen Jetzt".
Wer sein Lernen zu stark vom Willen und vom Wissen her
angeht, muss (früher oder später) scheitern,
weil er sein Ego ins Zentrum rückt, sich selbst überschätzt.
Ich kann den Unterschied zwischen den zwei Lernhaltungen
an einem persönlichen Beispiel verdeutlichen: |
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Ich bin gerade dabei, etwas zu lernen, das mir bisher nie
gelang, nämlich: im Wasser zu schwimmen. Als Zehnjähriger
erfuhr ich im obligatorischen Schwimmunterricht derart traumatisierende
Ängste und Demütigungen, dass ich in der Folge jeden
physischen Kontakt mit dem Wasser tunlichst mied. Später
habe ich wiederholt und in unterschiedlichen Formen versucht,
die Hemmschwelle zu überwinden, die mich von einer neuen
Begegnung mit dem angstbesetzten Element abhielt. Doch ich
scheiterte, Mal für Mal, und fand mich damit ab, in diesem
Bezug ein lebenslanger Nichtlerner zu bleiben. Noch während
ich dies schreibe, bin ich mir noch keineswegs sicher, dass
mir diesmal das Schwimmenlernen gelingen wird. Ich merke nur,
dass die "Umstände" günstig sind. Es treibt
mich kein Ehrgeiz an, viel eher schwingt in mir so etwas wie
Wagemut. Das Wagnis, mich noch einmal den alten Ängsten'
zu stellen, dabei aber ganz wach und bewusst im Gegenwärtigen
zu handeln. ("Nur jetzt ist wirklich!") Vertrauen
in den (heutigen!) Schwimmlehrer ist wichtig, ebenso ein Verbundensein
(Verbündetsein) mit drei Menschen, die genauso wie ich
ihre "Wasserangst" überwinden wollen. Und diesmal,
spüre ich, bin ich ins Gelingen verliebt, nicht ins Scheitern.
Ich frage mich und frage Sie, die Leserin, den Leser: Wie
lernen wir etwas, das wir noch nie gelernt haben? Was blockiert,
was bewegt? Und was beflügelt ... bis hin zu diesem "ins
Gelingen verliebt sein"? Für eine Antwort eignen
sich nach meinem Empfinden und nach meiner Erfahrung drei
Kriterien:. Unvoreingenommenheit: Was dem Lernen häufig
im Wege steht, ist der Rückgriff auf bisheriges Wissen,
bisherige Erfahrung. Unser Hang, Dinge blindlings fortzuschreiben,
die einmal in unserem Leben galten, heute aber schlicht überholt
sind. Diese Denkgewohnheiten und Reaktionsmuster klar zu sehen,
heisst schon ein Stück weit, sich ihrer Wirkung zu entziehen.
Im ZEN spricht man vom Anfängergeist, auch vom bewussten
Nichtwissen als einer Grundbedingung für kreative Gegenwärtigkeit.
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- Vertrauen, in andere und in sich selbst. Wenn ich
neues Wissen aufnehme, zu mir nehme, vertraue ich einer
Quelle, von der dieses Wissen stammt. Dies kann die
eigene Erfahrung, Beobachtung, Begegnung sein; weit
häufiger kommt Wissen aus medialen Quellen (Büchern,
Zeitungen, TV-Sendungen, Internet usw.) auf mich zu,
denen ich, obgleich wählerisch und durchaus nicht
unkritisch, mich anvertraue. Geht es im Lernen um neue
Erfahrungen (und nicht nur neues Wissen), spielt Vertrauen
in andere und in sich selbst eine noch grössere
Rolle. "Gemeinsam statt einsam" kann dabei
eine wichtige Devise sein. Anderen vertrauen kann aber
nur, wer gelernt hat, zu sich selbst eine vertrauende
Beziehung zu entwickeln.
- Die Gunst der Stunde, das, was die Griechen den kairos
nannten, den günstigen Zeitpunkt für irgendein
Unterfangen. Alles im Leben findet "zu seiner Zeit"
statt, dies wird uns in den biblischen Psalmen und in
philosophischen Schriften eindringlich gesagt. Insofern
ist unser Lernen (wie auch unser Sterben!) nicht zeitautonom,
sondern im Zeitenlauf subtil "konstelliert".
Zum Bewusstsein meiner Lebendigkeit gehört gleichsam
der "Riecher" für den passenden Zeitpunkt,
aber auch für das Reifenlassen eines bestimmten
Vorhabens. Etwas reifen zu lassen, zeugt von einer verfeinerten
Wahrnehmung der zeitlichen Qualität, in jeder menschlichen
Aktivität.
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Zwischen dem Gelingen und Misslingen ist es oft ein schmaler
Grat. Nichts gelingt "definitiv", nichts misslingt
ein für alle Mal. Das Ganze ist eine Vibration mit wechselnden
Frequenzen, mal hoch, mal tief. "Ich zittere, also bin
ich". Zu oft verstehen wir Lernen nur als die Ablösung
einer alten durch eine neue Gewissheit. Und fragen dazu forsch:
"Alles klar?" Nichts ist, in diesem Sinne, "klar".
Alles fliesst, "gilingan" (siehe
oben) heisst das Zauberwort. (ET)
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